Grimme-Preise für Filmschau BW-Alumni

Tine Kluth wird für ihre SANDMÄNNCHEN-Animationen in der Kategorie Kinder & Jugend ausgezeichnet. Jens Wischnewski gewinnt mit seiner ZDF-Serie NEULAND in der Kategorie Fiktion.
24.04.2023 •
Betreff: Allgemein, Filmschau

Die Filmschau Baden-Württemberg-Alumna Tine Kluth wurde für ihre Animation von “Unser Sandmännchen: Recycling-Maschine” gemeinsam mit Regisseur und Autor Stefan Schomerus mit dem 59. Grimme-Preis 2023 ausgezeichnet. Die Erstausstrahlung war am 23. Juni 2022 um 18.50 Uhr im KiKA.

Die Begründung der Jury:

Nach über 60 Jahren erhält der Sandmann einen Grimme-Preis, und zwar für einen seiner Rahmen-Filme: Recycling-Fahrzeug. Besonders gelungen findet die Jury die Modernisierung der Animation und die Beschäftigung mit dem wichtigen Thema Nachhaltigkeit, das hier – wie immer ohne Worte – kindlich begreifbar gemacht wird. Dieser neue Film steht im Kontext von insgesamt fünf neuen Sandmann-Folgen, die unterschiedliche aktuelle Themen aufgreifen und das Gesamtportfolio der Rahmenfilme ab 2022 ergänzen werden. Der bekannte Traumsandbringer wird in weiteren Folgen in einem Bücherbus gezeigt, trifft mit einem Solarmobil ein campendes Frauenpaar und deren Kinder, fliegt auf einer Drohne und schwingt sich in einem Hochseilgarten durch die Baumkronen.

Die liebevoll und detailgetreu umgesetzte Modernisierung und die damit verbundene mutige Innovation, von den klassischen Motiven der Kurzfilme abzuweichen, ohne dabei seinen Stil zu verlieren, überzeugte die Jury. Insbesondere bei Formaten, die sich seit Generationen an Kinder richten, stellt die Aktualisierung eine große Herausforderung dar. Denn es gilt, verklärte Erinnerungen der Elterngenerationen sowie heutige Themen und Perspektiven der Kinder miteinander gelungen zu verbinden. Die bewährte, aber künstlerisch wie inhaltlich herausragende Stop-Motion-Animation mit vielfältigen handgearbeiteten Requisiten und einem neuen Fuhrpark beweist, wie lebendig und zeitgemäß die bekannte Sendung sein kann. Dies gelingt mit Leichtigkeit und einem bezaubernden Charme, der Kinder von heute, aber auch deren Eltern gleichermaßen erreicht. Szenerie und Gestaltung sind beim Sandmann im Gegensatz zu vielen aktuellen Animationsfilmen nicht mit Details überfrachtet und lassen deshalb genügend Freiraum für die eigene kindliche Fantasie. Kindgemäßer pädagogischer Anspruch und die Auseinandersetzung mit einem gesamtgesellschaftlich wichtigen Thema werden mit bewährter Leichtigkeit und ohne erhobenen Zeigefinger umgesetzt. Im ausgezeichneten Film ist Inklusion als Selbstverständlichkeit eingebaut und somit ein Teil der erzählten Geschichte, ganz ohne „aufzufallen“. Und genau deshalb hat sich die Jury entschieden, dass gerade dieser Sandmann-Film in diesem Fernsehjahr eine besondere Auszeichnung durch den Grimme-Preis verdient.

Tine Kluth studiert zunächst Kunst an der Freien Kunstschule in Nürtingen und von 1995 bis 2002 im Bereich Animation an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Dort entstand unter anderem ihr Animationsfilm “Kater” über einen frustrierten Straßenkater, der alle seine neun Leben verbraucht, um die Liebe seines Lebens zu erobern. Für “Kater” wurde sie auf der Filmschau Baden-Württemberg mit dem Förderpreis der Baden-Württembergischen Filmindustrie in der Kategorie Animation ausgezeichnet.

Für seine Serie “Neuland” wurde Filmschau-Alumni und Regisseur Jens Wischnewski gemeinsam mit Orkun Ertener (Buch/Produktion) und den Schauspielerinnen Peri Baumeister, Franziska Hartmann, Anneke Kim Sarnau und Mina Tander ebenfalls mit dem Grimme-Preis 2023 ausgezeichnet. Die sechs 45minütigen Folgen sind seit dem 14. November 2022 in der ZDFmediathek zu sehen.

Die Begründung der Jury:

Die Wohlstandszone als Kampfzone: Mit Eleganz und Einfallsreichtum inszenieren die Schöpfer von „Neuland“ in ihrem fiktiven Örtchen Sünnfleth den Speckgürtel um Hamburg als Spielfläche, auf der sich widerstreitende gesellschaftliche Kräfte Bahn brechen. Im Mittelpunkt stehen vier moderne, selbstbewusste Frauen, die sich immer wieder die Frage stellen müssen, wie weit sie die Emanzipation tatsächlich gebracht hat: Wirklich selbstbestimmte Karrierefrau oder doch nur Trophy Wife mit Alibi-Job? Wirklich solidarische Schwester oder doch nur Einzelkämpferin unter dem Feminismus-Deckmantel?

Drehbuchautor Orkun Ertener zeichnet die Figuren ambivalent bis an die Schmerzgrenze, gleichzeitig führt er sie in einem raffiniert gebauten Plot zu immer neuen Bündnis-, Freundschafts- und Gegnerinnenkonstellationen zusammen. Die vier Hauptdarstellerinnen Franziska Hartmann, Mina Tander, Peri Baumeister und Anneke Kim Sarnau beeindrucken durch ihre fulminanten schauspielerischen Leistungen; In ihrem furiosen, feinnervigen Spiel zeigen sie immer neue verblüffende Facetten. Wer eben noch harmlos erschien, offenbart plötzliche mörderische Wut. Wer in einem Moment wie der Inbegriff einer machtbewussten Selfmade-Frau wirkt, entpuppt sich kurz darauf als Gewaltopfer. Dabei desavouieren die Filmemacher:innen und die Schauspielerinnen niemals ihre Charaktere, sondern feiern sie als vielschichtige Figuren, in denen das Publikum mögliche eigene innere Kämpfe gespiegelt sehen kann. Regisseur Jens Wischnewski beweist dabei ein enormes Gespür für Rhythmus und Detailgenauigkeit: In kurzen Rückblenden zeigt er Verrat und Selbstverrat der Frauen. In den behutsam genau inszenierten Gewaltausbrüchen der Kinder spiegelt sich die unterschwellige bis offene Gewalt unter den Erwachsenen. Wo haben eigentlich all die Angst und all das Misstrauen ihren Ursprung?

„Neuland“ demonstriert auf imposante Weise, wie hochkomplex deutsche Serienerzählungen sein können. Dass bei der Erkundung des norddeutschen Soziotops unverblümt große US-Vorbilder wie der HBO-Hit „Big Little Lies“ zitiert werden, ist dabei kein Zeichen von fehlender Eigenständigkeit. Vielmehr zeugen die Referenzen von einer bewundernswerten Souveränität, die es den „Neuland“-Schöpfer:innen erlaubt, mit dem global zur Verfügung stehenden Serienvokabular authentische, atemberaubende deutsche Kleinstadtgeschichten zu erzählen.

Jens Wischnewski gewann 2018 den Baden-Württembergischen Filmpreis in der Kategorie “Bester Spielfilm” für seinen Film “Anne und der Tod”.

Der Grimme-Preis gilt als eine der wichtigsten Auszeichnungen für Fernsehproduktionen im deutschsprachigen Raum. Ausgezeichnet werden Sendungen, die die spezifischen Möglichkeiten des Mediums Fernsehen auf hervorragende Weise nutzen und innovative sowie qualitative Anstöße geben. Stifter des Grimme-Preises ist der Deutsche Volkshochschul-Verband, weitere Partner sind das Land Nordrhein-Westfalen, das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF), der Westdeutsche Rundfunk (WDR) und 3sat. Die diesjährige 59. Verleihung fand am 21. April 2023 im Theater der Stadt Marl statt. 3sat zeigt die Zusammenfassung der Preisverleihung, moderiert von Jo Schück.

Quelle: www.grimme-preis.de